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Lesen Sie hier das Interview der WAB:

Früher als gedacht

Interview mit Andreas Wellbrock 


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Quelle: Thorsten Thomas/WAB; Foto: Andreas Wellbrock


Bremerhaven, 10. März 2016: 
Eigentlich sollte Andreas Wellbrock die Geschäftsführung der WAB zum 1. Juni übernehmen. Jetzt krempelt das Vorstandsmitglied der BLG Logistics die Ärmel schon zwei Monate früher hoch. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat sich viel vorgenommen im direkten Kontakt mit den Mitgliedern.


WAB: Sie waren 16 Jahre bei der BLG Logistics Group und dort auch im Vorstand. Ab dem 1. April sind Sie neuer Geschäftsführer der WAB. Was war ihre Motivation für den Wechsel?

Wellbrock: Da hat der Zufall etwas geholfen. Ich bin aus dem Vorstand der WAB auf die freie Stelle angesprochen worden und war selbst auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Offshorewind ist für mich ein sehr sympathisches Thema, dass ich im Bereich der Logistik auch für die BLG entwickelt hatte. So haben wir uns aufeinander zubewegt. Das war für mich der richtige Weg. Wenn man zu lange im Vorstand eines großen Unternehmens ist, dann wird der Absprung irgendwann schwierig. Daher freue ich mich auf die Arbeit für die WAB und deren Mitglieder.

WAB: Sie hatten also ohnehin den Wunsch, sich beruflich zu verändern?

Wellbrock: Richtig. Ich war in verschiedenen Positionen und Funktionen für die BLG tätig. Das war eine gute Zeit, aber es schleift sich natürlich auch viel ein und in einem großen Konzern sind die Möglichkeiten, etwas zu verändern, begrenzt. Ich bin jemand, der kreativ ist und ich habe schon viele Ideen im Kopf, wie wir die WAB weiterentwickeln können. Das Netzwerk ist in den Boomjahren sehr schnell gewachsen. Jetzt haben wir eher eine Stagnation und die Industrie befindet sich in einer Delle. Wir müssen also dafür sorgen, dass es wieder aufwärts geht. Insbesondere wenn man auf die Akzeptanzdebatten im Süden und im Westen Deutschlands schaut.

WAB: Womit wollen Sie starten?

Wellbrock: Ein Schwerpunkt sind die Mitglieder. Wir haben eine sehr heterogene Struktur, die vom Großunternehmen über den Mittelstand bis hin zu kleinen Unternehmen und Einzelkämpfern reicht. Entsprechend unterschiedlich ist die Erwartung, was die WAB für ihre Mitglieder leisten soll. Zum anderen brauchen wir eine stärkere Präsenz, die über den Nordwesten hinausgeht. Wenn wir mehr Akzeptanz für die Offshorewindindustrie erreichen wollen, dann müssen wir unsere Mitglieder im Westen und Süden von Deutschland stärker einbinden und dort neue Unternehmen hinzugewinnen.

WAB: In den Boomjahren ist das Netzwerk rasant gewachsen, weil viele Unternehmen ihre Chancen Offshore ausloten wollten und es gibt Unternehmen, die sich nur mit Windenergie an Land beschäftigen. Wie kann man der heterogenen Struktur gerecht werden?

Wellbrock: Wir müssen und wollen erst einmal herausfinden, was die Interessen der Mitglieder sind und wie heterogen diese tatsächlich ausfallen. Das möchte ich in einem ersten Schritt gerne möglichst genau ergründen. Daraus werden sich wiederum Schwerpunkte und Akzente ergeben.

WAB: Ein Dreh- und Angelpunkt wird die Politik sein

Wellbrock: Genau. Große Unternehmen sind daran interessiert, dass wir uns als Netzwerk in die Gesetzgebung und die politischen Prozessen in Berlin einbringen. Das ist natürlich für alle Mitglieder ein wichtiger Prozess. Darüber hinaus geht es aber auch um die kleinen und inhabergeführten Unternehmen und wir müssen die Frage beantworten, wo der Mehrwert als Mitglied ist.

WAB: Sie wollen also zuerst in das Netzwerk hineinhören?

Wellbrock: Wir werden eine Bestandsaufnahme und eine Mitgliederbefragung durchführen. Außerdem habe ich mir fest vorgenommen, einen repräsentativen Querschnitt der Mitglieder zu besuchen und mit ihnen zu diskutieren. Das gilt auch für die geographische Lage, weil die Erwartungshaltung eines Unternehmens vor Ort möglicherweise anders ist, als die eines Mitgliedes im Süden von Deutschland.

WAB: Sie gehen sehr offen an die Sache heran.

Wellbrock: Ich möchte mir erst einmal ein Bild machen und viele Stimmungen und Meinungen hören. Daraus kann ein Konzept und Klarheit darüber entstehen, wo wir uns verändern müssen und was die künftigen Schwerpunkte sind. Hier hoffe ich auf viele Antworten.

WAB: Wie beurteilen sie aktuelle Situation der Branche?

Wellbrock: Wir brauchen Bedingungen die über mehrere Jahre stabil und nach vorne gerichtet sind, weil die Vorlaufzeiten für Projekte auf See länger sind als an Land. Das heißt unterm Strich, dass die Grundlage der Wirtschaftlichkeitsberechnung auch noch in vier oder fünf Jahren aufgehen muss. Das müssen wir nicht nur der Bundesregierung, sondern auch den Ministerpräsidenten in den Bundesländern klar machen.

WAB: Wir kommen bezüglich der EEG-Novelle in die heiße Phase. Kann sich die gesamte Windbranche hier noch ausreichend Gehör verschaffen?

Wellbrock: Daran arbeiten wir gerade intensiv, wie der gemeinsame Wismarer Apell mit den fünf norddeutschen Bundesländern kürzlich gezeigt hat. Entscheidend wird aber sein, dass auch andere Bundesländer den Argumenten folgen. Das ist harte Arbeit, weil die Energiewende im Zuge der Flüchtlingsdebatte nach hinten rückt.

WAB: Real hat die Politik schon 2014 mit ihrem Ausbaudeckel einige Megawatt wieder einkassiert. Das reduzierte Volumen lässt die Phantasie nicht unbedingt sprudeln.

Wellbrock: Ich halte den Deckel auch für das falsche Signal. Das Flüchtlingsdrama zeigt doch, wie fragil die Welt ist. Es gibt viele Kriege, Länder, die durch Auseinandersetzungen destabilisiert werden, den Konflikt mit Russland oder durch die Erderwärmung bedingte Verwerfungen. Was mir an der Energiewende fehlt, ist das geopolitische Interesse, möglichst viel Energie selbst zu produzieren. Hier spielt die Windenergie und insbesondere die auf See eine wichtige Rolle. Schaut man sich die Lernkurve an, dann kann sie ihren Beitrag zu vertretbaren Kosten leisten.

WAB: Im Moment gaukelt der niedrige Ölpreis vor, das die Energieversorgung weniger ein Problem ist.

Wellbrock: Das wird natürlich nicht so bleiben und der niedrige Preis hat auch etwas damit zu tun, dass sich der Bedarf durch die Abkehr von fossilen Energieträgern reduziert. Was ich in Deutschland politisch vermisse, sind eine klare Festlegung auf und ein Plan für die Energiewende. Da geht es nicht nur um den Ausbau und die Geschwindigkeit, sondern auch darum, wie wir mit den Konsequenzen umgehen, die sich daraus ergeben.

WAB: Der Plan heißt erst einmal bedarfsgerechter Ausbau.

Wellbrock: (lacht) Was immer das auch heißen mag. Es ist doch etwas faul beim Umweltschutz, wenn moderne Gaskraftwerke sich nicht rechnen, deren Betreiber die Kosten in den Büchern haben und mit abgeschriebenen Kohlemeilern Geld verdient wird.

WAB: Das geht in Richtung Systemintegration

Wellbrock: Natürlich müssen wir diesen Weg stärker proagieren und uns auch intensiver mit Speichertechnologien oder der Umwandlung von elektrischer Energie beschäftigen. Das halte ich schon im Sinne des industriellen Fortschritts mit all seinen Innovationen für wichtig. Auch dafür brauchen wir einen klaren Rahmen vom Gesetzgeber, damit sich marktreife Produkte wie Power to Gas oder Batteriespeicher auch wirtschaftlich rechnen.

WAB: Deutschland steht nicht alleine auf der Kostenbremse. Eine ähnliche Diskussion tobt gerade in UK und auch bei den Ausschreibungen in anderen Ländern geht es um die Kosten. Gleichzeitig steigt das Volumen nicht an.

Wellbrock: Günstige Kohlekraftwerke helfen uns im Kampf gegen die Erderwärmung und die knallharten Folgen für viele Länder nicht weiter. Angefangen vom Küstenschutz müssten die Vollkosten gegen den Ausbau erneuerbarer Energie gerechnet werden und ich würde behaupten, dass die Gesellschaft dabei langfristig billiger fährt. Ohne Volumen kann die Industrie aber keine Skaleneffekte erreichen. Stattdessen stellt sich bei fehlenden Kapazitäten der gegenteilige Effekt ein.

WAB: Eine Folge der knappen Volumen und eingeforderten Kostenreduzierungen ist eine europäische Marktkonzentration auf immer weniger Akteure.

Wellbrock: Viele Unternehmen sind inzwischen vom Markt verschwunden oder in größeren Konzernstrukturen und Kooperationen aufgegangen. Die Konzentration führt bei den ersten Projekten zu sinkenden Kosten, aber wenn der Markt durch oligopole Strukturen aufgeteilt ist, geht es wieder in die andere Richtung. Gleichzeitig sind der knappe Markt und die fehlenden Perspektiven auch eine Eintrittsbarriere für neue Unternehmen, weil der Einstieg viel Geld kostet.

WAB: Am Offshore Terminal in Bremerhaven (OTB) scheiden sich aufgrund der hohen Kosten die Geister. Ihr alter Arbeitgeber hat Anfang Februar der Vertrag für den Betrieb des Terminals unterschrieben. Wie fällt ihre Einschätzung aus?

Wellbrock: An der Weser stehen rund 270 Hektar erschlossene Flächen zur Verfügung. Ohne einen OTB sind diese Flächen nicht attraktiv oder es wird sehr viel schwieriger, sie erfolgreich zu vermarkten. Entscheider von Unternehmen gehen immer dorthin, wo die Infrastruktur ist.

Das Interview führte Torsten Thomas.