Interview mit Ronny Meyer, Geschäftsführer des WAB e.V. anlässlich des Tatorts „Wer Wind erntet, sät Sturm“ vom 14. Juni 2015


Frage: Herr Meyer, der Tatort „Wer Wind erntet, sät Sturm“ spielt sich im Spannungsfeld zwischen der Offshore-Windindustrie und Naturschutzverbänden ab. Im Tatort werden zum Beispiel Vögel durch die Befeuerung der Offshore-Windparks angezogen. Kommt es durch den Betrieb von Offshore-Windkraftanlagen in der Nordsee (und Ostsee), wie im Film dargestellt, zu massenhaftem Vogelsterben?

Meyer: Es gibt zahlreiche Studien zum Einfluss und Kollisionswahrscheinlichkeit von Offshore-Windenergieanlagen auf den Vogelzug. Ein Fazit aus diesen Studien ist: Vögel verhalten sich gegenüber den Offshore-Windparks wie gegenüber normalen Gebäuden. Das bedeutet: Sie weichen den Anlagen aus. Bei guten Wetterbedingungen fliegen die meisten Vogelarten – zum Beispiel während der großen Vogelzüge – sowieso sehr hoch; weit über der Höhe von Offshore-Windkraftanlagen. Mit einem erhöhten Kollisionsrisiko wird beim nächtlichen Vogelzug kombiniert mit ungünstigen Wetterbedingungen – wie beispielsweise plötzlich auftretender Nebel – gerechnet. Genau dann wirken künstliche Lichtquellen – wie etwa auch Fernsehtürme oder beleuchtete Bürogebäude an Land – auf die Vögel anlockend. Bisherige Untersuchungen ergaben keine Hinweise auf ausgeprägte Vogelschlagereignisse an den Offshore- Windenergieanlagen. Sofern die noch laufenden Begleituntersuchungen in den Offshore- Windparks Hinweise auf relevante Kollisionsereignisse erbringen, kann darauf reagiert werden, indem die Beleuchtung der Anlagen im Hinblick auf den Vogelzug angepasst wird.

Frage: Stimmt die Aussage von dem Umweltaktivist Hendrik Paulsen gespielt von Helmut Zierl, der behauptet, dass Schweinswale aufgrund von Offshore-Baulärm getötet werden und mit blutenden Ohren verenden?

Meyer: Ein Fall, wie er im Tatort geschildert wird, ist bisher bei keinem Projekt aufgetreten, noch ist dies realistisch oder wahrscheinlich. Der Bau und Betrieb von Offshore-Windparks unterliegt zahlreichen Vorschriften, Normen und weiteren Regulierungen und wird vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) genehmigt. Für die Rammarbeiten der Fundamente gibt es einen vorgeschriebenen Richtwert von 160 Dezibel (dB). Wir schützen unsere Meeressäuger zum Beispiel, indem wir vor dem Beginn von Rammarbeiten durch akustische Signale dafür sorgen, dass die Schweinswale einen ausreichenden Abstand zur Baustelle einnehmen können, und während der Bauarbeiten werden technische Innovationen wie der doppelte Blasenschleier verwendet, die den Schall sehr stark reduzieren. Einer Studie des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) zufolge gibt es kaum negative Folgen für die Natur durch Offshore-Anlagen. Fischpopulationen können sich sogar in fischerfreien Offshore-Windpark erholen und wir beobachten, wie Seehunde und Kegelrobben zur Jagd gezielt zu Offshore-Windparks in der Nordsee schwimmen.

Frage: Insgesamt entsteht im Tatort der Eindruck, dass die Offshore-Windenergie die Natur schädigt und EU-Umweltrichtlinien verletzt. Wie stehen Sie zu dieser übermittelten Botschaft?

Meyer: Der Bau und Betrieb von Offshore-Windparks unterliegt zahlreichen naturschutzrechtlichen Regulierungen. Genehmigungsbehörde ist das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH). Teil der Regularien ist u.a. ein festgelegter Untersuchungsrahmen, der auf dem ökologischen Standarduntersuchungskonzept (STUK) des BSH basiert. Schon im Rahmen des Genehmigungsverfahrens führen die Projektentwickler Umweltverträglichkeitsprüfungen durch. Das BSH prüft die vorgelegten Umweltverträglichkeitsstudien und sichtet Literatur zum Thema, um zu entscheiden, ob der Windpark an dieser Stelle zu keinen erheblichen Beeinträchtigungen der Meeresumwelt führt. Während der Bau- und Betriebsphase gibt es ein verpflichtendes begleitendes Umweltmonitoring. Der Bau und Betrieb von Offshore-Windparks erfolgt zusätzlich im Einklang mit den Umweltgesetzen auf Bundesund EU-Ebene.

Frage: Zum Ende des Tatortes wird klar: Naturschützer lassen sich von Offshore-Windparkbetreibern bestechen, um damit deren Wohlwollen zu gewinnen (in diesem Fall den Erwerb eines Gütesiegels bzgl. des Vogelschutzes). Trifft dieses Bild die Realität?

Meyer: Die Offshore-Windbranche hat und wird keine Umwelt- oder Naturschutzverbände bestechen. Die großen Unternehmen, sowie die Branchenvertreter der Windenergie-Agentur WAB verfügen über sogenannte Compliance Guidelines, die die Annahme oder Vergabe von finanziellen oder wertigen Geschenken, Erkenntlichkeit oder Gewährung und Inanspruchnahme von Vorteilen verbietet. Die Branche sucht und führt den Dialog mit den Naturschützern im Rahmen von Dialogveranstaltung, Fachveranstaltungen und direkten Gesprächen. Darüber hinaus gibt es derzeit keine Gütesiegel über die Umweltverträglichkeit von Offshore-Windparks, noch ist uns eine Debatte darüber bekannt. Dies ist aus Sicht der WAB auch nicht notwendig, da die Auswirkungen auf die Umwelt kontinuierlich überwacht werden. Die Branche beteiligt sich aktiv an der Forschung zu den ökologischen Auswirkungen von Offshore-Windparks, so unterstützt die Industrie z.B. das Forschungsprojekt RAVE, in dem Seevögel und Schweinwale im Rahmen der ökologischen Begleitforschung im Fokus stehen.

Frage: Ist es tatsächlich so, dass Offshore-Windparks von Hedgefonds finanziert und/oder betrieben werden und die Rendite bei Offshore-Windparks für die Fonds sehr hoch ist?

Meyer: Offshore-Windparks in Deutschland werden derzeit von vielen verschiedenen Akteuren finanziert und betrieben. Finanziert werden die Windparks häufig von einer Mischung aus Pensionsfonds, Private-Equity, Infrastrukturfonds, Banken und den betreibenden Unternehmen. Der Betreiber der Offshore-Windpark sind Stadtwerke, mittelständische Betreibergesellschaften sowie deutsche und europäische Energieversorgungsunternehmen. Die Akteursvielfalt ist damit in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr hoch. Dies ist auch ein Ergebnis des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG). Die Rendite bei Offshore-Windparks ist vergleichbar mit anderen Infrastrukturprojekten oder liegt teilweise darunter.

Frage: Im Tatort wird die Offshore-Windenergie als zentrale, große und teure Energieform dargestellt. Ist für eine Energiewende, die im Wesentlichen dezentral ist, dann die Offshore-Windenergie überhaupt noch notwendig?

Meyer: Das Ziel der Bundesregierung, die Stromversorgung bis 2050 auf 80% Erneuerbare Energien Umzustellen, kann nur mit einem breiten Mix an erneuerbaren Energien gelingen. Die Offshore-Windenergie trägt mit der stetigen und hohen Stromeinspeisung zur Versorgungssicherheit des deutschen Industriestandortes rund um die Uhr bei und ergänzt mit Ihren Eigenschaften die anderen Erneuerbaren Energien. Sie reduziert den Ausbau von Speichern und den Betrieb von fossilen Back-Up-Kraftwerken. Die EEG-Kosten für Offshore-Windenergie liegen mit durchschnittlich 10 ct pro Stromeinheit nicht über den Kosten für andere Erneuerbare Energien am Anfang der Entwicklung (oder im Vergleich von Solar sogar drunter). Offshore-Wind spielt bei der Erreichung der energie- und klimapolitischen Ziele eine entscheidende Rolle.

Frage: Was ist mit dem Eindruck, der beim Bremer Tatort entsteht, dass sich die Offshore-Windenergie in einer Krise befindet, die durch Kurzarbeit, Massenentlassungen und Insolvenzen äußert?

Meyer: Die Verunsicherung über die Zukunft der Offshore-Windenergie in Deutschland durch die Strompreisbremse vom damaligen Bundesumweltminister Peter Altmaier hat im Frühjahr 2013 dazu geführt, dass sich die Finanzierer von Offshore-Windparks mit neuen Investitionen zurückgehalten haben. Dadurch wurden keine weiteren Aufträge für die produzierende Industrie ausgelöst; einigen Unternehmen mussten Kurzarbeit anmelden, Angestellte entlassen und teilweise auch in Insolvenz gehen. Seit Inkrafttreten des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes im August 2014 haben die Finanzierer aber wieder Aufträge ausgelöst, so hat z.B. die Iberdrola Ende letzten Jahres einen Vertrag über die Lieferung von Turbinen im Volumen von 620 Mio. Euro mit Adwen abgeschlossen und die Bremer wpd konnte die Finanzierung für einen weiteren Windpark erfolgreich abschließen. Inzwischen wurden über 2.000 Megawatt auf See errichtet, die für über 2 Millionen Haushalte Strom einspeisen.

WAB - Die Windenergie-Agentur
ist das Netzwerk der Windenergiebranche in der Nordwest-Region und bundesweiter Ansprechpartner für die Offshore-Windindustrie. Mehr als 350 Unternehmen und Institute sind seit 2002 Mitglied der WAB geworden. Sie decken die gesamte Wertschöpfungskette der Windenergiebranche ab, von der Forschung über die Produktion und Installation bis hin zur Wartung. Die WAB ist Partner der Offshore-Windindustrie-Allianz OWIA in Berlin

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